© Heiner Schubert
Ich fuhr im Mietauto durch Südafrika, vorbei an Townships, Armenvierteln, die man als Weisser nicht betreten soll. Ebenso wenig, wie man sich als Weisser bei Nacht auf der Strasse blicken lassen darf. Allgemeine Verhaltensregeln. Jeder hält sich dran. Im Auto hörte ich ein Referat von Siegfried Zimmer über den barmherzigen Samaritaner. Er beschreibt die Strasse von Jerusalem nach Jericho. Auf diesem Weg steigt man hinab in die Wüste, wo sich in der Antike die Ärmsten jener Gesellschaft in Höhlen verkrochen. Auch das ein Gebiet, das es zu meiden galt, ein Niemandsland. Hier wie dort hausen Menschen, die beraubt worden sind, die alles verloren haben und die, um zu überleben, gar schnell selbst zu Räubern werden. Sie haben ihr eigenes Territorium. Durch dieses Gebiet wandert nun ein Mann, wird überfallen und liegen gelassen. Sie ziehen ihm erst die Kleider aus, danach schlagen sie ihn wund. Die Kleider brauchen sie ja noch.
Würde ich hier in einem Township anhalten, um einem erstochenen Körper den Puls zu fühlen? Hier, wo sich selbst die Justiz duckt und mein Auto mehr zählt als ein Menschenleben? Kaum. Im Rückspiegel sehe ich eine solche Siedlung verschwinden. Was wollte Jesus mit diesem Gleichnis nur sagen? Wollte er uns damit ermutigen, rücksichtsvoll und hilfsbereit durchs Leben zu gehen? Wäre das seine Hauptaussage, hätte er bestimmt ein alltagstauglicheres Setting gewählt. Die gängige Auslegung, «Du sollst auch einem Fremden helfen, wenn er dich braucht», funktioniert in der sicheren Schweiz – vielleicht. An diesem Ort nicht.
Jesus erzählt dieses Gleichnis aufgrund einer Diskussion mit einem Schriftgelehrten. Ausgangspunkt ist das Schriftzitat «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben (…) und deinen Nächsten wie dich selbst». In der Manier der Gelehrten, die jedes Gebot genau abwägen und deren Grenzen ausloten, stellt er sich nun der Frage: «Wer ist mein Nächster?» Gilt dieses Gebot nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft oder auch gegenüber Fremden und Ungläubigen?
Als Antwort auf diese Frage skizziert Jesus die denkbar wildeste Szene: Ein unbekannter Mann ist im Niemandsland von Räubern erledigt worden. Dabei wissen wir von ihm lediglich, dass er nie und nimmer diesen Weg allein hätte gehen dürfen. Er liegt quasi selbstverschuldet im Sterben. Nun spielt Jesus dieses Exempel mit Testpersonen durch: Sollte ihm ein Priester helfen? Der würde damit die Reinheitsgebote des Tempels übertreten. Gottes Heiligkeit zu wahren, ist aber sein oberster Auftrag. Er muss vorbeigehen. Die zweite Testperson, ein Levit, geht ebenfalls daran vorbei. Auch für ihn steht der Dienst am Tempel über dem Dienst an anderen Menschen. Die Überraschung folgt dann beim dritten Kandidaten: Jesus wählt einen Samaritaner mit Reittier, einen wohlhabenden Ausländer also, der viel zu verlieren hat. Dieser unerwartete Kandidat und sein ausführlich beschriebenes Verhalten führen den bisherigen Gedanken ad absurdum. Jesus weigert sich, dem Gebot der Nächstenliebe Grenzen zu setzen. Er stellt es über alle anderen Gebote, Selbstschutz, den verdienten Feierabend oder soziale Normen.
Wie oft haben mich meine Überzeugungen, Berührungsängste oder die Frage nach dem legalen Rahmen davon abgehalten, der Nächstenliebe konsequent zu folgen? So wie sie Jesus hier beschreibt, scheint sie unvernünftig und fahrlässig zu sein und kann von niemandem erwartet werden. Er selbst bleibt allerdings diesen Worten gerade im Blick auf sein Lebensende treu. So zeigt er uns einen Gott voller Liebe und Barmherzigkeit. Jesus beendet seine Rede mit den provokanten Worten: «So geh hin und tu desgleichen!» Das ist kein moralischer Appell, sondern ein Ruf zur Nachfolge und zu einer Nächstenliebe, die sich nicht zähmen lässt.
Joel Keller


