Showdown der Hohenpriester

Beim Verhör von Jesus kochen die Emotionen hoch. Ich kann den Wutanfall des Hohepriesters verstehen, der Jesus der Gotteslästerung überführen will. Er fragt ihn, ob er der Messias sei, und bekommt von Jesus persönlich Folgendes zu hören: «Ich bin es, und ihr werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels» (Markus 14,62). Das tönt nach einer unglaublichen Anmassung. Oder geht es dem Hohepriester am Ende gar nicht darum, die Ehre Gottes zu bewahren? Täuscht er diese Emotionen nur aus politischem Kalkül vor, um eine Hinrichtung zu erzwingen? Jedenfalls greift er sich in seinen Halsausschnitt und reisst den Stoff mit einem heftigen Ruck eine Handlänge ein, sodass ein Teil der Brust bloss liegt. Das gilt als angemessene Geste, um grosse Entrüstung zu zeigen, und ist bei einer Gotteslästerung gar ein jüdisches Gebot.

Was die Priester betrifft, gibt es aber noch andere Gesetze. Eines der ersten und wenigen Gebote an die geweihten Priester lautet: «Ihr sollt euer Haupthaar nicht frei wachsen lassen, und eure Kleider dürft ihr nicht zerreissen, damit ihr nicht sterbt» (3.Mose 10,6; vgl. auch 21,10). Mit dem Zerreissen seines Gewandes übertritt der Hohepriester dieses Gebot und entweiht sich für alle sichtbar.

Ihm gegenüber steht Jesus, den wir als Messias anerkennen. Im Hebräerbrief wird er als der wahre Hohepriester beschrieben: «Daher musste er in allem den Brüdern und Schwestern gleich werden, um ein barmherziger und treuer Hoher Priester vor Gott zu werden und so die Sünden des Volkes zu sühnen» (Hebräer 2,17; vgl. auch 5,10).

Jesus bleibt in dieser Szene unerklärlich ruhig und sanft. Er wird an diesem Passahfest vor Gott treten und nach christlicher Deutung sich selbst als Opfer hingeben. Sein Kleid wird selbst bei der anschliessenden Kreuzigung nicht zerteilt. Im Gegensatz zu seinem jüdischen Richter füllt Jesus die Rolle des Hohepriesters aus.

Joel Keller

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