© «Festmahl» von Fredi Jaberg
Karim lässt seine Blicke durch den Festsaal schweifen. Auf der langen Tafel spiegeln sich die Lichter der Kerzen im silbernen Besteck. Alles ist bereit. Die Gäste sind eingetroffen. Im Foyer werden fleissig Getränke serviert. Noch herrscht Ruhe im Festsaal. Karim setzt sich für eine kleine Verschnaufpause hin. Ein solches Klientel hat er noch nie bedient. Fünf Gehbehinderte hat er die Treppen hochgehievt und drei blinde Gäste den Gang entlanggeführt. Im Eingang riecht es wie in einem schmuddeligen Hinterhof. Von da stammen auch die werten Gäste: Abfallsammler, Überlebenskünstler und Vagabunden. Auch Joasch ist dabei, der Penner, mit dem er kürzlich sein Sandwich teilte. Wie toll, dass er ihm nun ein mehrgängiges Menü servieren darf.
Durch die Seitentüre kommt die Gastgeberin herein und erkundigt sich nach ihren Gästen. «Es läuft alles so, wie Sie es angeordnet haben», antwortet Karim, «Kranke, Arme, Einsame – alle sind gekommen.» Die Gastgeberin schaut Karim fragend an. Sie hat das kleine Zögern in seiner Antwort wahrgenommen. Ja, er musste an Bakthyars Familie denken, die ausserhalb der Stadt wohnt. Bis in dieses Aussenquartier sind sie beim Abholen der Gäste nicht gekommen. Seine Blicke wandern in den hinteren Teil des Festsaals, wo keine Tische stehen, und schliesslich sagt er: «Es hat noch Platz.»
Kommentar zu dieser Szene:
Im Gleichnis vom Gastmahl nach Lukas 14,16-24 hat mich folgende Beobachtung in den Bann gezogen: Es ist der Knecht, der darauf hinweist, dass es noch Platz hat, nicht der Gastgeber. Also derjenige, der das Ganze auch umsetzen muss. Seinen Auftrag hat er bereits erfolgreich erfüllt, er hätte sich damit zufriedengeben können. «Es ist geschehen, wie du befohlen hast.» Doch dann zeigt sich die Glaubenssicht dieses Knechtes, die den freien Platz wahrnimmt. Diese Sicht lässt schliesslich den Gastgeber die Anweisung geben, nochmals auf die Strasse und an die Grenzen zu gehen und alle hereinzuholen.
Joel Keller



